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/ „Was tun, wenn man nichts tun kann?“ Philosoph Dr. Martin Bartenberger im Interview

„Was tun, wenn man nichts tun kann?“ Philosoph Dr. Martin Bartenberger im Interview

Von: Tamara Todorovic
Aktualisiert: 18.09.2025
Lesezeit: 8 Min.
PsychologieTipps
Silhouette eines nachdenklichen Philosophen, aus dessen Kopf Buchstaben strömen – Symbol für Denken, Sprache und philosophische Reflexion.
Philosoph Martin Bartenberger plädiert für mehr Realismus statt Perfektion: Wer das Leben als Experiment begreift, bleibt auch in Krisenzeiten beweglich. | © pict rider - stock.adobe.com

Klimawandel, Kriege, soziale Spaltung – viele Menschen erleben die Gegenwart als Dauerkrise. Die Welt erscheint komplex, unüberschaubar und widersprüchlich. Manche reagieren mit Rückzug oder innerer Lähmung, andere suchen Halt in einfachen Antworten oder scheinbar eindeutigen Weltbildern. Doch weder endloses Grübeln noch schnelle Schuldzuweisungen helfen weiter, wenn die Realität sich nicht kontrollieren lässt.

Der Philosoph Dr. Martin Bartenberger schlägt eine dritte Möglichkeit vor: den Pragmatismus. In seinem Buch „Was tun, wenn man nichts tun kann?“ zeigt er, wie wir auch ohne absolute Gewissheiten sinnvoll handeln können. Statt nach dem perfekten Plan zu suchen, geht es darum, in Bewegung zu bleiben – mutig, bescheiden und offen für Irrtümer. Im Interview erklärt er, warum die Haltung entscheidender ist als die Strategie – und wie wir mit Unsicherheit konstruktiv umgehen können.

"Was tun, wenn man nichts tun kann?" ist bei folgenden Shops erhältlich:

Warum wir die Krisen nicht „wegdenken“ können

sanego: Herr Dr. Bartenberger, Ihr Buch trägt den Titel „Was tun, wenn man nichts tun kann?“ – eine Frage, die viele in Zeiten von Krieg, Klimaangst oder Krisen umtreibt. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, genau dieses Thema aufzugreifen?

Dr. Martin Bartenberger: Ich habe 2017 zum Thema Philosophie und Krisenmanagement promoviert und dachte damals, das Thema wäre für mich erstmals erledigt. Doch irgendwie scheint sich seitdem eine Krise an die andere zu reihen, von Corona, über den Ukrainekrieg, die Wirtschafts- und Zollkrise bis hin zur immer sichtbarer und spürbarer werdenden Klimakrise.

In meiner Doktorarbeit hatte ich mich damit beschäftigt, wie Regierungen und Politiker mit Krisen umgehen und ein Ergebnis war, dass sie dabei oft am erfolgreichsten sind, wenn sie sich pragmatisch verhalten. Angesichts der zahlreichen Krisen und der kollektiven Erschöpfung und Lähmung, die wir ja allerorten erleben, kam mir der Gedanke, dass dieses  „pragmatisch sein“ in Krisenzeiten ja vielleicht auch für uns alle ganz hilfreich sein könnte. Daraus ist dann das Buch entstanden.

Zwischen Ohnmacht und Überforderung

sanego: Sie beschreiben, wie die Dauerkrisen unserer Zeit viele Menschen in eine psychologische Zwickmühle bringen – überfordert, gelähmt, aber dennoch voller Verantwortungsgefühl. Wie wirkt sich das konkret auf das individuelle Erleben aus?

Dr. Martin Bartenberger: Ich denke, viele erleben ein ganz starkes Gefühl von Unsicherheit und Ungewissheit und das ist für uns Menschen nur schwer auszuhalten. Man versucht sich dann oft entweder in einfache Antworten oder Lösungen zu flüchten oder glaubt denen, die versprechen, es würde alles so werden wie früher. Oder man versucht es ganz „rational“ und möchte sich aus dieser Unsicherheit und Ungewissheit „herausdenken“ und eine optimale und „vernünftige“ Lösung finden, die all unsere Probleme auf einen Schlag behebt.

Nur leider führen beide Wege in die Sackgasse: Weder gibt es für unsere Situation einfache Lösungen oder die Möglichkeit wieder zurück in die Vergangenheit zu reisen, wie es uns die Populisten an allen Ecken versprechen. Noch können wir in Krisenzeiten rein auf einen naiven Rationalismus vertrauen, denn dafür sind die Problemlagen zu komplex und außerdem fehlen uns oft maßgebliche Informationen um „perfekte“ Entscheidungen zu treffen.

Was dann bleibt ist ein Gefühl der Schwere, der Hoffnungslosigkeit und der Überforderung. Doch ich glaube, dass muss nicht so sein. Wir Menschen sind Meister des Ausprobierens, des Improvisierens und der hoffnungsvollen Anpassung an neue Umstände und Herausforderungen. Und diese Fähigkeiten hat der philosophische Pragmatismus in den Vordergrund gestellt wie keine zweite Denkschule.

Dr. Martin Bartenberger

ist promovierter Philosoph und Experte für politische Theorie, Pragmatismus und gesellschaftliches Krisenmanagement. Er lehrt an der Universität Wien, forschte an der University of California, Berkeley, und war viele Jahre in der Kommunikations- und IT-Branche tätig.

Was ist eigentlich philosophischer Pragmatismus?

sanego: Sie stellen dem weitverbreiteten Dogmatismus und Rationalismus als Sackgassen den Pragmatismus gegenüber. Können Sie kurz erklären, was Pragmatismus in Ihrer Lesart bedeutet – und was ihn von Alltagspragmatismus unterscheidet?

Dr. Martin Bartenberger: Der Pragmatismus ist eine philosophische Denkrichtung bzw. eine Mentalität die in den USA im späten 19. Jahrhundert entstanden ist, und zwar interessanterweise auch als Reaktion auf eine gewaltige Krise, nämlich den amerikanischen Bürgerkrieg. Vereinfacht gesagt, geht der Pragmatismus von der Annahme aus, dass wir nie 100% Gewissheit über irgendwas haben können. Wir werden außerdem nie in einer perfekten Welt leben, in der alles immer nach Plan verläuft und über die wir die volle Kontrolle haben.

Für den Pragmatismus gilt: Diese Ausgangslage sollte uns nicht entmutigen oder erschrecken. Sondern wir können auch unter diesen Umständen wirkmächtig und verantwortungsvoll handeln, Probleme lösen, Herausforderungen meistern und unser aller Leben auf dieser Welt verbessern. Und zwar dann, wenn wir uns nicht von starren Prinzipien leiten lassen, sondern wenn wir flexibel sind, Dinge ausprobieren und unsere Überzeugen ändern, wenn sie sich als falsch oder unpraktisch erweisen.

Es gibt also Überschneidungen zwischen dem, was wir in der Alltagssprache mit Pragmatismus meinen und dem, was er philosophisch bedeutet. Zum Beispiel, dass wir nicht anhand von Ideologien, Prinzipien oder Dogmen denken, sondern mit Bezug auf die Sache und die Praxis. Gleichzeitig geht der philosophische Pragmatismus weit über diesen Alltagsbegriff hinaus und liefert uns einen umfassenden Blick auf unsere pragmatischen Potenziale, und wie wir sie im Alltag nutzen können – und jeden Tag bereits nutzen.

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Kein Masterplan, aber ein nächster Schritt – so denkt der Pragmatismus

sanego: Sie sagen: „Das Leben ist ein Experiment.“ Was bedeutet das konkret – auch im Hinblick auf Entscheidungen, bei denen es keine Garantie auf ein „richtig“ oder „falsch“ gibt?

Dr. Martin Bartenberger: Für den Pragmatismus ist unser Leben ein ständiges Ausprobieren, ein Prozess aus „Versuch-und-Irrtum“ oder – wenn man so will – ein nie endendes „durchwurschteln“. Und zwar ob wir das wollen oder nicht. Natürlich können wir diese Tatsache verdrängen und verleugnen – außerdem verhalten wir uns bei diesem Prozess natürlich nicht völlig blind oder planlos. Aber alle Pläne die wir haben, alle Anläufe die wir starten um ein Problem in den Griff zu bekommen, sind immer nur Versuche – ohne Garantie auf Erfolg.

Was wir jedoch tun können, ist aus unseren Versuchen und den Versuchen von anderen zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Auch dadurch werden wir nie die absolute Kontrolle über die Welt um uns erlangen und oft auch scheitern. Aber dieser experimentelle Prozess der Anpassung an sich ändernde Umstände ist der einzige Weg den wir haben, um damit umzugehen. Diese wichtige Einsicht sollte uns ermutigen und uns erleichtern.

Buchvover "Was tun, wenn man nichts tun kann?"
Buchvover "Was tun, wenn man nichts tun kann?" | © Beltz Verlag

Weniger Perfektion, mehr Flexibilität

sanego: Viele Menschen sind derzeit erschöpft – durch das Gefühl, immer alles richtig machen zu müssen. Welche Haltung schlägt der Pragmatismus stattdessen vor?

Dr. Martin Bartenberger: Weniger Perfektionismus, eine große Portion Bescheidenheit gepaart mit Hoffnung und Mut! Wir werden nie alles „richtig“ machen, aber wir können es besser oder schlechter machen. Wir können entscheiden, ob wir offen bleiben für neue Erfahrungen, Eindrücke und Informationen oder ob wir uns abkapseln, verhärten und versuchen anderen unsere Meinung aufzuzwingen – notfalls sogar mit Gewalt.

Warum Irrtümer zum Menschsein dazugehören

sanego: In Ihrem Buch plädieren Sie für mehr Mut zum Irrtum. Warum ist die Fähigkeit, sich zu irren, aus Ihrer Sicht ein Schlüssel zu einem gesünderen Umgang mit Unsicherheit?

Dr. Martin Bartenberger: Weil der ständige Irrtum nunmal zu unserem Leben gehört. Vermutlich habe ich mich heute schon zigmal geirrt, ohne es wirklich zu merken. Ich habe zum Beispiel meine Trinkflasche zu Hause vergessen, die kühle Morgenluft bei meiner Radfahrt in die Arbeit unterschätzt und später eine Mail von einem Kunden übersehen. Na und? Ich bin nicht verdurstet, nach einem kurzen Zwischenstopp habe ich noch eine Mütze in meiner Tasche gefunden um die ärgste Kälte zu vertreiben und die Mail von dem Kunden habe ich mit etwas Verspätung auch noch entdeckt.

Die Tatsache, dass wir uns ständig irren, zu leugnen ist nicht nur ziemlich ungesund, sondern beraubt uns einer unseren großen Stärken. Menschen sind nicht so bemerkenswert und liebenswert, weil wir perfekt und 100% rational sind und weil bei uns immer alles nach Plan läuft. Nein, sondern weil wir so gut darin sind mit diesen großen und kleinen Irrtümern und Imperfektionen umzugehen, uns von ihnen nicht entmutigen zu lassen und es an den meisten Tagen doch noch irgendwie schaffen, aus den Zitronen, die uns das Leben serviert, halbwegs schmackhafte Limonade zu brauen.

Wie man ins Handeln kommt – auch ohne „großen Plan“

sanego: Was würden Sie unseren Lesern und Leserinnen mitgeben, die sich im aktuellen Krisenmodus machtlos fühlen? Gibt es eine konkrete Haltung oder kleine pragmatische Geste, mit der man beginnen kann?

Dr. Martin Bartenberger: Nachdem diese Frage während des Schreibprozesses immer wieder kam, habe ich am Ende des Buches einen kleinen „Werkzeugkasten des Pragmatismus“ verfasst mit einigen Ideen und Vorschlägen, die vielleicht hilfreich sein können. Mir hilft im Alltag, nach wie vor die Vorstellung mutig und bescheiden gleichzeitig zu sein und nachsichtiger mit sich selbst und anderen zu sein. Nicht weil wir es moralisch sein sollten, sondern weil eine solche Einstellung einfach viel näher an der Realität ist. Pragmatisch sein ist also kein moralischer Imperativ wie „so sollten wir sein!“, sondern eine empirische Beschreibung im Sinne von „so sind wir sowieso, ob wir es wissen oder nicht, und zwar jeden Tag“. Wir sollten diese Tatsache einfach nur erkennen und akzeptieren, dann ist schon viel gewonnen und vieles fällt leichter – selbst und besonders in Zeiten wie diesen.

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