"Das liegt bestimmt an den Hormonen", diesen Satz hat wohl jede Frau schon einmal gehört. Doch was beeinflussen die Hormone eigentlich wirklich? Inwieweit können wir das selbst steuern und wo liegen die Grenzen? Diese Fragen beantwortet Gynäkologe Konstantin Wagner – ausführlich in seinem Buch „Dein Körper spricht hormonisch“ und vorab im Interview mit uns.
sanego: Haben Sie den Eindruck, Frauen kennen sich inzwischen besser mit ihrem Körper und der (Peri)Menopause aus, wenn sie in Ihre Praxis kommen?
Dr. Konstantin Wagner: Definitiv. Und das finde ich erst einmal großartig. Viele Frauen kommen heute sehr gut vorbereitet in meine Praxis. Sie haben sich mit ihrem Zyklus beschäftigt, kennen Begriffe wie Perimenopause oder Progesteron und können ihre Beschwerden oft erstaunlich genau beschreiben.
Gleichzeitig gibt es aber auch eine Kehrseite. Gerade über Social Media entsteht manchmal der Eindruck, hinter jedem Symptom müsse ein hormonelles Problem stecken. Das stimmt natürlich nicht. Müdigkeit kann hormonell bedingt sein, sie kann aber genauso durch Eisenmangel, Schlafmangel oder ganz andere Erkrankungen entstehen.
Ich sehe meine Aufgabe deshalb heute weniger darin, Frauen einfach nur etwas zu erklären. Ich möchte ihnen helfen, die vielen Informationen richtig einzuordnen.
Was sollten Frauen in Sachen Hormone beachten
sanego: Dass so intensiv über Frauengesundheit und speziell über Perimenopause und Menopause aufgeklärt wird, ist noch recht neu. Was sollte jede Frau über ihre Hormone wissen?
Dr. Konstantin Wagner: Dass Hormone weit mehr machen als Menstruation und Fortpflanzung.
Östrogene wirken beispielsweise auch an Gehirn, Knochen, Haut, Gefäßen oder Stoffwechsel. Progesteron beeinflusst unter anderem das Nervensystem und den Schlaf. Testosteron spielt auch bei Frauen eine Rolle für Sexualität, Muskelmasse und Knochen.
Deshalb können hormonelle Veränderungen plötzlich an Stellen spürbar werden, die Frauen überhaupt nicht mit ihren Hormonen verbinden. Schlafstörungen, Brain Fog, Herzklopfen, Gelenkbeschwerden oder Stimmungsschwankungen können beispielsweise in der Perimenopause auftreten.
Dieses Wissen finde ich unglaublich wichtig. Nicht damit Frauen sich selbst diagnostizieren, sondern damit sie Veränderungen ihres Körpers besser einordnen können.
ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtsmedizin. Er betreut Patientinnen in seiner eigenen Praxis und setzt sich für eine flächendeckende Aufklärung ein. So betreibt er etwa den Instagram-Account @gynaeko.logisch und hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter „Richtig schwanger“, „Dein Körper spricht hormonisch“ und „Expedition nach Genitalien“.
sanego: Auf welche Bereiche und Beschwerden sollten Frauen besonders achten, wenn es um den Hormonhaushalt geht?
Dr. Konstantin Wagner: Ich würde immer auf Veränderungen achten. Der eigene Körper ist dabei häufig der beste Vergleichswert.
Wenn eine Frau mit der Zeit schlechter schläft, der Stress „gefühlt“ zunimmt, Sorgen und Ängste größer werden, Blutungen stärker oder unregelmäßiger werden, die Stimmung regelmäßig kippt oder sie sich dauerhaft erschöpft fühlt, lohnt es sich, hinzuschauen.
Hitzewallungen und Schweißausbrüche sind natürlich klassische Symptome. Gerade in der Perimenopause finde ich aber die unspezifischeren Beschwerden spannend. Viele Frauen erzählen mir: „Ich bin irgendwie nicht mehr ich selbst.“ Sie können es gar nicht genau greifen. Und genau diese Frauen wurden in der Vergangenheit leider häufig mit einem „Sie haben einfach zu viel Stress“ nach Hause geschickt.
Stress spielt natürlich eine Rolle. Aber die Resilienz ändert sich mit den hormonellen Veränderungen.
Inwieweit können Frauen Hormone beeinflussen?
sanego: Sind hormonelle Veränderungen etwas, was im Körper einfach passiert, oder können Frauen sie aktiv beeinflussen?
Dr. Konstantin Wagner: Beides. Wir können die Biologie nicht austricksen. Dass sich die Funktion der Eierstöcke im Laufe des Lebens verändert und irgendwann die Menopause eintritt, können wir durch keinen Lifestyle verhindern.
Aber wir können sehr wohl beeinflussen, auf welchen Körper diese hormonellen Veränderungen treffen.
Bewegung, insbesondere Krafttraining, bessere Schlafhygiene, eine gute Nährstoffversorgung, eine protein- und ballaststoffreiche Ernährung, wenig Alkohol und der Umgang mit chronischem Stress beeinflussen Stoffwechsel, Knochen, Muskulatur und Herz-Kreislauf-Gesundheit. Das kann einen großen Unterschied machen.
Mir ist diese Unterscheidung wichtig, weil „Du kannst deine Hormone selbst regulieren“ schnell in eine problematische Richtung geht. Wenn eine Frau starke Wechseljahresbeschwerden hat, hat sie nicht falsch gelebt. Manchmal braucht es trotz des besten Lebensstils eine medizinische Behandlung.
Hormonveränderungen in der Perimenopause
sanego: Eine wichtige und große Hormonveränderung steht mit der Menopause an. Was sind die ersten Anzeichen, dass Frauen in die Perimenopause kommen?
Dr. Konstantin Wagner: Das Interessante ist, dass die Perimenopause häufig nicht mit Hitzewallungen beginnt.
Bei vielen Frauen verändert sich zunächst der Kopf. Konzentrationsprobleme, Erschöpfung, Wortfindungsstörungen, Schlaf und Stimmung werden fragiler. Natürlich kann sich auch der Zyklus bereits verändern. Er kann kürzer werden, Blutungen können stärker oder schwächer werden.
Typisch für die frühe Perimenopause sind vor allem die Schwankungen. Östrogen fällt nicht einfach langsam und gleichmäßig ab. Die Werte können teilweise erheblich schwanken. Gleichzeitig werden Eisprünge unregelmäßiger und damit verändert sich auch die Progesteronproduktion.
sanego: Macht denn jede Frau diese Veränderungen durch oder gibt es auch Frauen, die die Hormonänderungen nicht groß bemerken? Wenn ja, warum?
Dr. Konstantin Wagner: Die hormonelle Veränderung durchläuft natürlich jede Frau, aber längst nicht jede Frau leidet darunter.
Es gibt Frauen, die massive Hitzewallungen, Schlafprobleme und Stimmungsschwankungen entwickeln. Andere stellen irgendwann fest, dass ihre letzte Menstruation ein Jahr zurückliegt, und hatten kaum Beschwerden.
Warum die Unterschiede so groß sind, verstehen wir noch nicht vollständig. Genetik spielt eine Rolle, ebenso Lebensstil, Körperzusammensetzung, Vorerkrankungen und vermutlich auch die individuelle Empfindlichkeit von Gehirn und Nervensystem gegenüber hormonellen Veränderungen.
Das finde ich übrigens gesellschaftlich wichtig. Wir sollten die Wechseljahre weder bagatellisieren noch pathologisieren. Nicht jede Frau leidet. Aber die Frauen, die leiden, verdienen eine vernünftige Behandlung.
sanego: Auf der einen Seite berichten immer mehr Frauen über Beschwerden und Hormonschwankungen in der Perimenopause mit Mitte 30, auf der anderen gibt es immer wieder Berichte von Frauen, die über 40 noch schwanger werden. Sind unsere Körper wirklich so unterschiedlich?
Dr. Konstantin Wagner: Ja, unsere Körper sind unterschiedlich. Aber hier werden auch zwei Dinge miteinander vermischt.
Fruchtbarkeit und Wechseljahresbeschwerden sind nicht dasselbe. Eine Frau kann bereits Veränderungen ihres Zyklus oder erste perimenopausale Beschwerden erleben und trotzdem noch Eisprünge haben und schwanger werden. Perimenopause bedeutet nicht Unfruchtbarkeit.
sanego: Was würden Sie Frauen speziell zur Perimenopause und Menopause raten?
Dr. Konstantin Wagner: Informiert euch, aber macht euch nicht verrückt.
Ich wünsche mir, dass Frauen schon vor den Wechseljahren wissen, was möglicherweise auf sie zukommt. Dann ist eine plötzlich auftretende Schlafstörung mit 45 nicht sofort beängstigend, sondern vielleicht ein Signal, das man besser einordnen kann.
Gleichzeitig muss niemand vorsorglich zehn Nahrungsergänzungsmittel nehmen oder ständig seine Hormone bestimmen lassen. Bewegung, Krafttraining, Schlaf, Ernährung und Vorsorge sind eine hervorragende Basis.
Und wenn Beschwerden die Lebensqualität einschränken, dann bitte nicht jahrelang aushalten. Wir haben heute sehr gute Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören Veränderungen des Lebensstils, nicht hormonelle Therapien und bei entsprechender Indikation auch eine Hormonersatztherapie. Die Entscheidung sollte immer individuell gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt getroffen werden.
Ein abschließender Rat
sanego: Möchten Sie abschließend noch etwas hinzufügen?
Dr. Konstantin Wagner: Frauen verbringen einen erheblichen Teil ihres Lebens in hormonellen Übergangsphasen. Trotzdem wissen viele mit 40 mehr über die Pubertät ihrer Kinder als über die Veränderungen, die gerade im eigenen Körper stattfinden.
Genau deshalb habe ich „Dein Körper spricht hormonisch“ geschrieben. Wissen über den eigenen Körper soll keine zusätzliche Aufgabe auf der ohnehin schon langen To-do-Liste von Frauen sein. Es soll entlasten.



