Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört Osteoporose zu den zehn häufigsten Erkrankungen weltweit. In Deutschland gilt sie als Volkskrankheit mit mehr als sieben Millionen erkrankten Menschen. Oft wird die Krankheit gar nicht erkannt; daher ist die Dunkelziffer hoch und schwer ganz genau zu ermitteln. Dennoch geht die WHO von einem zukünftig dramatischen Anstieg osteoporotischer Fallzahlen aus.
Etwa jede zweite Frau über 50 Jahren in Europa und jeder fünfte Mann wird im Laufe seines Lebens eine Fraktur erleiden. Eine osteoporotische Fraktur bei Frauen tritt häufiger auf als Herzinfarkt, Schlaganfall oder Brustkrebs zusammen. Grund genug, sich mit der gezielten Prävention, aber vor allem, der medizinischen Trainingstherapie bei Osteoporose zu befassen.

Das Kiesling-Konzept
Schmerzen lindern und Frakturen nachbehandeln – das war lange die Aufgabe der Physiotherapie bei Osteoporose. Inzwischen gehören auch Prävention und Gesundheitsförderung als oberstes Ziel zur Therapie. Seit über 40 Jahren befasse ich mich mit diesen Punkten und suche zielgerichtete, verstehbare Übungsliteratur für Osteoporose-Betroffene. Dabei beschränke ich mich nicht nur auf einen Bereich der Physiotherapie. Vielmehr werden ganz unterschiedliche Methoden und Konzepte kombiniert, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Die Kiesling-Methode zur Behandlung von Physiotherapie basiert auf vier von mir entwickelten Säulen:
Neuroorthopädie
Faszien-Physiotherapie
Medizinische Trainingstherapie auf flexiblen Unterlagen
Stochastische Trainingstherapie
Neuroorthopädie bei Osteoporose zur Körperaufrichtung
In der Neuroorthopädie geht es um reversible (also umkehrbare) Funktionssteuerung. Diese betreffen die Bewegungssteuerung der Gelenke, der Muskulatur und des faszialen Gewebes. Unerlässlich für den Erfolg der Neuroorthopädie ist: Das Fachwissen und Handeln des Therapeuten oder der Therapeutin in Verbindung mit der aktiven Mitarbeit des Patienten bzw. der Patientin. Dazu gehört auch die individuelle Selbstbehandlung, also das „Üben zu Hause“.
Neuroorthopädie wurde durch die „Prager Schule“ um Lewit, Vojta und Bobath begründet. Zu weiteren wichtigen Grundlagenarbeiten zählen außerdem jene von Küggelen, Schirmer, Brügger, Cyriax und Tilscher. Moderneres Neuroorthopädie-Fachwissen geht auf Holst, Matzen und Deschauer zurück.
Neuroorthopädie in der Physiotherapie nach Kiesling zeichnet sich durch reproduzierbare Behandlungserfolge aus. Es lassen sich auch kompliziert erscheinende Krankheitsgeschehen rasch erkennen und verständlich definieren.
Faszien-Physiotherapie zur Knochenstimulans
Gemeinsam mit Robert Schleip (fascia research group, Ulm heute TU München) habe ich 2015 das Konzept zur Faszien-Physiotherapie entwickelt. Es zielt besonders auf die Behandlung reversibler (umkehrbarer) Funktionsstörungen des faszialen Gewebes, der Gelenke sowie der Muskulatur hin. Dabei bezieht es ebenso die Bewegungssteuerung mit ein.

Teil der Faszien-Physiotherapie sind sanfte Techniken zur Schmerzreduktion und Bewegungsverbesserung. Sie basieren auf den Grundlagen verschiedener manualtherapeutischer Verfahren, etwa der „Berliner Schule“ der Manuellen Medizin (nach Jochen Sachse und Karla Rodluff-Schild), von Geoffrey Maitland, von Hede Teichrich-Leube sowie den Arbeiten von Carla Stecco.
Einen wesentlichen Fortschritt für das Verständnis über Faszienanatomie und -physiologie erzielten auch Frau Prof. Carla Stecco aus Italien, Herr Dr. Jean-Claude Guimberteau aus Frankreich und Frau Prof. Helene Langevin aus den USA.
Faszien-Forschung ist im wahrsten Sinn faszinierend. Die wichtigsten Faktoren für die Medizinische Trainingstherapie sind hier aufgelistet:
Faszien sind unser wichtigstes Sinnesorgan, der sogenannte sechste Sinn.
Bereits über 250 Millionen Fasziensensoren sind entdeckt und wissenschaftlich erkannt worden.
Faszien haben eine sehr spezielle Architektur aus kollagenen und elastischen Anteilen.
Das durchschnittliche Gewicht der Faszien beträgt bezogen auf einen 60 Kilogramm schweren Menschen 20 Kilogramm. Sie machen also circa ein Drittel unseres Körpergewichts aus.
Faszien umhüllen uns ganz und gar, wie ein Taucheranzug. Äußerlich und innerlich durchziehen sie auch die Organe und das Gehirn, Knochen, Muskeln und viele weitere Bereiche.
Faszien mögen keinen Stress.
Faszien können sich binnen sieben Monaten regenerieren.

Medizinische Trainingstherapie auf flexiblen Unterlagen für das Gleichgewicht und zur Sturzprophylaxe
Für dieses Therapiekonzept kombiniere ich unterschiedliche Methoden, um medizinische, biomechanische und kybernetische Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen. Grundlage ist die bekannte Medizinische Trainingstherapie nach dem Norweger Rolf Gustavsen. Durch Beobachtungen im Alltag und im Arbeitsleben fielen ihm krankmachende, sogenannte Bewegungsstereotype auf, die er durch korrigierendes Training verbessern wollte. Dafür entwickelte er im Rahmen der Manuellen Therapie schon vor über 40 Jahren eine definierte medizinische Form von Trainingskonzepten.

Diese Methode kombiniere ich mit beweglichen Unterlagen, wie BalancePad oder Minitrampolin. Die Inhalte der Trainingstherapie auf beweglichen Unterlagen, die ursprünglich von Mario Bizzini beschrieben wurden, überdenke ich mit Erkenntnissen aus der Faszien-Forschung neu. Daraus entsteht eine Therapie aus mehrdimensionalen Belastungsreizen. Durch diese können die Dreidimensionalität der Faszienarchitektur gezielt angesteuert und der gesamte Organismus verbessert werden.
Die medizinische Trainingstherapie hat zahlreiche positive Auswirkungen auf:
Sensorik
Koordination
Reaktivkraft
Körperaufrichtung
Dehnung des faszialen Gewebes
Schnellkraft
Kraftausausdauer
Voraussetzung für das Gelingen der Methode ist die genaue, individuelle Übungssteuerung des oder der Trainierenden.
Auf dem BalancePad wird im geschlossenen System des Unterkreuzes (LBH und Beine) trainiert.
Auf einem Mini Trampolin stehend wird im geschlossenen System die Ganzkörpermotorik verbessert; insbesondere die gepulste Bewegungssteuerung zur Aktivierung der Knochenmatrix.
Wirksame Schwingungen
In meiner Praxis kombiniere ich als Teil meines Konzepts die Medizinische Trainingstherapie auf flexiblen Unterlagen mit wirksamen Schwingungen. Dafür kommt ein spezielles Trainingsgerät zum Einsatz. Die Tramp-Unterlagen schwingen während der Übungen auf und ab. Die Intensität kann frei gewählt werden. Der Körper ist damit der Fixpunkt (Punktum fixum) auf den beweglichen Unterlagen (Punktum mobile). Die Wirkung ist entgegengesetzt dem Trampolinspringen, wo sich zwei mobile Partner aufeinandertreffen. Diese Umkehr des üblichen Bewegungsstereotyps, also die Umkehr einer Körperbewegung auf festem Untergrund, bildet die Grundlage der wirksamen Schwingungen. Vibrationen und Schwingungen werden körperintern, insbesondere im faszialen Gewebe erzeugt und zur Knochenstimulans genutzt. Weiterhin verbessern sich:
Neuronale Steuerung
Reaktivkraft
Koordination
Stochastische Trainingstherapie (stt) trainiert die Reaktionsfähigkeit
Die Therapie beruht auf der Erkenntnis, dass es im menschlichen Nervensystem, im Gewebesystem und auch im Knochenstoffwechsel von Natur aus ein „schwaches Grundrauschen“ von Signalen gibt. Nervenzellen leiten diese Signale erst weiter, wenn eine bestimmte Reizschwelle überschritten ist. Das heißt, es wird erst ab einer bestimmten Signalstärke als Reaktion darauf ein körperlicher Prozess zur Bewegungsverbesserung in Gang gesetzt. Wird dieses Signal von einem wiederholten Störgeräusch überlagert, kann die Reizschwelle schneller erreicht werden. Die Reflexe und die Stoffwechselprozesse werden somit rasch aktiviert. Dieses Störgeräusch - auch „Noise“ genannt - kann durch die Stochastische Trainingstherapie auf den flexiblen Unterlagen hervorgerufen werden.
Vereinfacht kann gesagt werden: Das menschliche Gehirn reagiert klarer und intensiver auf Reize, die unvorhergesehen und ungleichmäßig eintreten. Gewöhnung vermindert die Reaktion. Reflexe und die Körperspannung werden daher bei unregelmäßigen Signalen deutlich eher aktiviert und das Gehirn schüttet vermehrt Stoffe aus, wie das Glückshormon Dopamin.
Bei der stochastischen Trainingstherapie nutzen wir dieses Prinzip. Der oder die Übende steht auf einer flexiblen Unterlage. Durch anstoßende Irritation mit Druck, Zug oder rotatorischen Elementen sorgt der Therapeut bzw. die Therapeutin für unvorhersehbare, immer andere Bewegungen in allen Dimensionen. Der Körper, aber vor allem das Gehirn muss in andauernder Reaktionslage die gesetzten Reize verarbeiten und auf neue Reize reagieren.
Als Effekt darauf werden neuronale und biochemische Prozesse angeregt. Zudem werden die Gehirnareale aktiviert und die motorischen Fähigkeiten verbessern sich unmittelbar. Funktion und Wachstum von Nervenzellen und Zellgruppen werden unterstützt, die Lebensdauer der Zellen wird verlängert.
Diese hier von mir beschriebene Trainingstherapie beruht auch auf Studien der Goethe Universität, Frankfurt/Main von Haas, Schmidtbleicher et al. Sie unterscheidet sich fundamental vom Training mit Vibrationsgeräten in Fitnesszentren oder anderen Anbietern. Es geht dabei nicht um das kräftige Durchrütteln nach einem automatischen Programm, woraus sich der Körper mit seiner Sensorik einstellt, ausrichtet und minder reagiert. Die sanfte und individuell angepasste Stochastische Trainingstherapie fördert gezielt die Beschwerdeverbesserung oder Heilung bei Menschen mit Erkrankungen des Haltungs-und Bewegungssystems, oder zahlreichen neuroorthopädischen Störungen.




