Unregelmäßige Zyklen, unreine Haut und Stimmungsschwankungen – obwohl PMOS (früher PCOS) viele Anzeichen hat, erfahren viele betroffene Frauen erst bei einem Kinderwunsch von der Hormonstörung. Denn Patienten und Patientinnen, aber auch Fachpersonal wissen oft nur wenig oder auch gar nichts, über die Erkrankung.
Auch LadyComplicated hat vor und nach der Diagnose PMOS (früher PCOS) nur wenig ärztliche Unterstützung erhalten. Wie sie dennoch Hilfe gefunden hat und welche Erfahrungen sie heute mit der Erkrankung macht, erzählt sie uns im Interview.
Diagnose und erste Anzeichen von PMOS (früher PCOS)
sangeo: Was wussten Sie vor Ihrer Diagnose über PMOS (früher PCOS)?
LadyComplicated: Gar nichts.

sangeo: Was würden Sie rückblickend sagen, waren bei Ihnen die ersten Anzeichen von PMOS (früher PCOS)?
LadyComplicated: Ab ca. 15 Jahren: unregelmäßiger oder ausgebliebener Zyklus, Hautanhängsel, Akne, großer Heißhunger auf Zucker und “Unterzuckerungen”. Später, ungefähr als ich 19 wurde, kamen dann auch noch laufend Abszesse sowie erhöhte Cholesterinwerte und gegen 21 Jahre die Behaarung hinzu, an Stellen, an denen sie nicht als weiblich gilt.
sangeo: Wie war der Weg zu Ihrer PMOS-Diagnose bzw, PCOS-Diagnose?
LadyComplicated: Sehr steinig und alleine gelassen. Bei meinem Gyn merkte ich über Jahren an, dass ich meine Periode so unregelmäßig bekomme und dass sie weder die Intensität noch Farbe hat, die sie haben sollte. Er meinte dann: "Ja es gibt die Möglichkeit, dass sie bereits mit 19 Jahren in den Wechsel kommen”. Bei Hausärzten und Hautärztinnen habe ich mehrmals diese täglichen “Zitteranfälle bzw. Unterzuckerungen” angesprochen. Es folgten immer wieder mal Zuckertests, die keine Klarheit gaben. Erst nach rund 6 Jahren und einem neuen Gyn kam die Diagnose PCOS (Anmerkung der Redaktion: heute PMOS). Der Arzt erklärte mir, dass ich wahrscheinlich ohne Kinderwunschklinik keine Kinder bekommen kann, diese Hormonstörung aber nur “wichtig” wäre, was die Fortpflanzung angeht. Da war ich 22. Seit ein paar Monaten weiß ich erst bewusst von der Insulinresistenz.
Bei PMOS (früher PCOS) reagieren die Körperzellen häufig weniger empfindlich auf Insulin – man spricht von Insulinresistenz. Dadurch produziert die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin, was wiederum die Bildung von Androgenen in den Eierstöcken fördern und Beschwerden wie Zyklusstörungen, Akne, verstärkte Behaarung oder Gewichtszunahme begünstigen kann.
Die Behandlung setzt meist bei Lebensstilfaktoren an: regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung und gegebenenfalls Gewichtsreduktion können die Insulinempfindlichkeit verbessern. Je nach Befund können zusätzlich Medikamente wie Metformin oder hormonelle Therapien infrage kommen; die Auswahl sollte ärztlich individuell abgestimmt werden.
sangeo: Wie haben Sie die Diagnose erlebt? Was hat sich dadurch verändert?
LadyComplicated: Es war ein Schock. Von dem einen auf den anderen Moment fühlte ich mich nicht mehr weiblich. Ängste kamen hoch, dass die Behaarung an Kinn, Brust und Bauch noch zunehmen wird und ich womöglich nie Kinder bekommen werde oder wenn, dann nur schwer. Ich fühlte mich ziemlich alleine gelassen bzw. nicht ernst genommen, die Ärzte und Ärztinnen, mit denen ich darüber sprach, kannten PCOS (Anmerkung der Redaktion: heute PMOS) noch nicht oder haben es als “nicht so wichtig” bzw. “kann man nichts machen” hingestellt.
PMOS (früher PCOS) und Kinderwunsch
sangeo: Sie sind Mutter eines Kindes. Hat PMOS (früher PCOS) Ihren Kinderwunsch beeinflusst?
LadyComplicated: Jein, die Schwangerschaft war geplant. Ich hab vorm “Basteln” bereits gesundheitlich einiges (Bluttest, Frauenarztbesuch, etc.) abgeklärt, gleich Supplements genommen und in meine Ernährung Lebensmittel wie Soja, Granatapfel und Cranberrys mit aufgenommen, die die Weiblichkeit unterstützen sollen. Kaffee, Alkohol, Stress und Energy Drinks so weit wie möglich runter gedrosselt. Mein Zyklus war zu der Zeit bei ca. 42 Tagen und wir hatten das Glück, dass es im vierten Monat geklappt hat. Die Schwangerschaft selbst war ab dem vierten Monat auch relativ mühselig, Wassereinlagerungen über Wassereinlagerungen, mein Bauch zerriss an allen Nähten, aber dem Bauchzwerg ging es prächtig die ganze Schwangerschaft lang. Stillen konnte ich leider nur 1 Monat, danach war die Milch weg.
bekam mit 22 Jahren die Diagnose PCOS (heute PMOS). Ärzte und Ärztinnen konnten ihr dabei kaum weiterhelfen. Stattdessen findet sie Infos und Unterstützung vor allem in den sozialen Medien. Als @Lady.Complicated nimmt sie deshalb andere mit auf ihrer Reise nach einem guten Umgang mit den Folgen der Erkrankung. Sie sagt dazu: „PCOS (heute PMOS) ist sehr individuell. Nur weil man die Diagnose der Hormonstörung hat, heißt dies nicht, dass man alle Symptome bekommt. Meine Geschichte muss nicht eure Geschichte werden.“
PMOS (früher PCOS) im Alltag
sanego: Welche Auswirkungen von PMOS (früher PCOS) spüren Sie heute im Alltag und was hilft Ihnen damit um zu gehen?
LadyComplicated: Die Insulinresistenz habe ich echt richtig gut im Griff. Seit nun schon fast einem Jahr halte ich mich dafür an eine proteinreichere und ballaststoffreichere Ernährung mit 4 Mahlzeiten am Tag. Stattdessen habe ich seit der Geburt meiner Tochter Brainfog sowie eine unbeschreibliche Müdigkeit. Meine Periode wurde stabiler mit etwa 36 Zyklustagen. Seit Jahresanfang nehme ich täglich 1 Kapsel Schwarzkümmelöl vorm Schlafen gehen, seither sind Akne, Abszesse und Hautanhängseln viel besser geworden. Ich bin noch voll im Test, was mir nun genau hilft. Versuche mehr Bewegung in mein Leben zu bringen und mich mit Stressmanagement auseinanderzusetzen. Genau auf diese Reise nehme ich die Menschen auf Social Media mit. Generell gibt es heute durch Social Media schon so viel mehr Aufklärung und Tipps zu PCOS (Anmerkung der Redaktion: heute PMOS), davon möchte ich ein Teil werden.
sanego: Gibt es auch Tipps und Behandlungsmöglichkeiten, die bei Ihnen nicht geholfen haben?
LadyComplicated: Mir wurden keine Behandlungsmöglichkeiten angeboten.
Mobbingerfahrungen in der Jugend und heute
sanego: Sie sprechen offen über Ihre Mobbing-Erfahrungen. Würden Sie sagen, die körperlichen Veränderungen durch PMOS (früher PCOS), zum Beispiel Hautunreinheiten oder vermehrte Körperbehaarung, haben dabei eine Rolle gespielt?
LadyComplicated: In der Schule war ich die Erste im Alter von 10 mit Brüsten und Periode, die anderen Mädels bekamen sie erst 2-3 Jahre später, außerdem war ich im Durchschnitt 20 kg schwerer. Das schuf Zwiespalt und verletzende Kommentare waren das Ergebnis. Die Akne, Abszesse und Behaarung fielen erst Jahre später meinen Beziehungspartnern auf und ja, auch diese Reaktionen waren weit weg von verständnisvoll.
Ich weiß noch, als ich mit der PCOS Diagnose (Anmerkung der Redaktion: heute PMOS) und den ersten Stoppeln am Kinn nach Hause kam, (ich war ungefähr 21) sagte mein damaliger Partner: "Boah weißt eh, wenn du einen Bart bekommst, bin ich aber weg, ekelhaft”. Das tat ordentlich weh, grad weil ich selbst so verunsichert war mit der Diagnose und nicht wusste, welches Ausmaß da noch auf mich zukommt.
sanego: Auf Ihrem Instagram-Account lady.complicated zeigen Sie offen Ihren Alltag und Ihren Körper. Wie gehen Sie heute mit negativen Kommentaren und Cyber-Mobbing um?
LadyComplicated: Bisher halten sich die negativen Kommentare zum Glück sehr in Grenzen. Vielleicht liegt es aber auch daran, weil ich es eben so offen zeige. Durch das jahrelange Mobbing verlor ich unter anderem viel meines Selbstbewusstseins, meiner Selbstliebe und meines Selbstvertrauens. Seit einigen Jahren bin ich stetig dabei, mir diese wieder aufzubauen. Und auch durch Social Media wachse ich von Tag zu Tag. Mittlerweile verstehe ich, dass oberflächliche Angriffe gegen mich sehr wenig mit mir zu tun haben, sondern ein Problem beim Gegenüber vorliegt. Konstruktive Kritik nehme ich dennoch sehr gerne an. Und seit dieser Verinnerlichung lebe ich gefestigter und freier. Durch meine eigene Reflektionsreise bin ich viel besser darin geworden, Personen, Verhalten und Situationen zu analysieren.
