Ob eine Beziehung gerade erst anfängt, auf die ersten Konflikte trifft oder schon viele Jahre besteht – Paare müssen immer wieder an ihr arbeiten. Doch welche Tipps und Ratschläge helfen dabei wirklich? Psychologin Linda-Marlen Leinweber hat sich dieser Frage für ihr Buch „frei und trotzdem verbunden“ aus dem Kailash Verlag gestellt. Vom ersten Kennenlernen bis hin zu langjährigen Partnerschaften hat sie darin viele Ratschläge zusammengetragen. Was für eine gesunde Beziehung wirklich wichtig ist, erklärt Linda-Marlen Leinweber im Interview.
sanego: Sie geben auf Instagram viele Ratschläge zu psychischer Gesundheit. Gab es einen konkreten Moment oder eine Erfahrung, der oder die den Anstoß gegeben hat, dass Sie sich in Ihrem Buch vor allem auf das Thema Beziehungen konzentrieren?
Linda-Marlen Leinweber: In meinem ersten viralen Video auf Instagram ging es um den Umgang mit Eifersucht. Auch Tipps zum gesunden Daten oder wie ein konstruktives Konfliktmanagement aussehen kann, sind immer wieder sehr beliebt. Und zuletzt hat ein Video zum häufig unfair verteilten Mental Load in heterogenen Paarbeziehungen sehr viele Views bekommen. Das ist für mich ein ehrlicher Spiegel von Themen, die meine Community bewegen! Daher gibt mein Buch Einblicke in viele verschiedene Bereiche von Beziehungen.
Red flags und schwierige Phasen
sanego: Gerade auf Social Media sprechen wir schnell von toxischen Verhaltensweisen oder „red flags“. Gibt es sowas denn aus psychologischer Sicht überhaupt?
Linda-Marlen Leinweber: Ja, sicher. Ich bin froh, dass wir sensibler für erste Anzeichen von psychischer Gewalt in Paarbeziehungen werden. Denn viel zu oft denken Betroffene, dass z. B. Besitzdenken oder Kontrolle „normal“ in Beziehungen sei - dass es sogar Ausdruck von „Liebe“ oder „Fürsorge“ sei, wenn der Partner oder die Partnerin das Gegenüber z. B. nicht mit den eigenen Freunden und Freundinnen rausgehen lassen will, das Handy kontrolliert oder einen bestimmten Kleidungsstil verbietet.
Ich finde allerdings auch wichtig, dass wir achtsam mit dieser Begrifflichkeit umgehen. Nur, weil ich etwas nicht mag, ist es noch lange nicht toxisch. Für mich sind Menschen auch nicht toxisch, sondern Dynamiken.
sanego: Schwierige Phasen und Konflikte gehören zu einer Beziehung dazu. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Linda-Marlen Leinweber: Erst einmal finde ich es sehr gut, dass man sich als Paar diese Erlaubnis gibt! Denn ja, genau so ist es - schwierige Phasen und Konflikte gehören dazu. Das muss nicht direkt pathologisiert werden. Ich finde wichtig im Blick zu behalten: Wie häufig streiten wir? Die schönen Momente sollten deutlich überwiegen! Gottman und Gottman sagen 5 schöne Momente auf einen Konflikt.
Dann achten wir darauf, WIE wir streiten. Denn das ist einer der destabilisierendsten Faktoren überhaupt. Bleiben wir respektvoll? Sprechen wir über die dahinter liegenden unerfüllten Bedürfnisse und Ängste anstatt uns auf der Symptomebene aufzureiben?
Mein Mann und ich versuchen auch immer wieder Talk Dates einzurichten. Das sind Verabredungen, in denen wir uns simple aber wichtige Fragen stellen wie: Wie gehts dir gerade in unserer Beziehung? Was hat dir in letzter Zeit gefallen? Was fehlt dir? Was hat dich genervt?
So staut sich weniger an und man hat den großen Vorteil, dass beide in Gelassenheit über die schwierigen Themen sprechen können - und das bedeutet auch: Mit voller Gehirnkapazität! Das ist im Streit, in der Emotionalität nicht möglich.
Schwierige Phasen sind zudem oft dadurch gekennzeichnet, dass beide und mindestens ein Part in der Beziehung sehr belastet ist. Hier schauen wir regelmäßig auf die Verteilung des Mental Loads in unserem „Familienunternehmen“. Was fällt alles an? Das gilt transparent zu machen, damit nicht nur einer oder eine die ganze Denkarbeit macht. Und: Wie können wir Arbeitspakete ggf. neu verteilen oder auch auslagern?
ist Psychologin und Mental Coach. Als Beraterin bietet sie Kurse, Vorträge und Workshops an, um die psychische Gesundheit präventiv zu stärken. Außerdem hat sie einen eigenen Podcast und gibt ihr Wissen auf Instagram weiter.
(Gute) Konflikte in Beziehungen
sanego: Was unterscheidet „konstruktive“ von „destruktiven“ Konflikten?
Linda-Marlen Leinweber: Konstruktive Konflikte bringen uns näher, weil sie uns verstehen lassen, was unser Gegenüber bewegt, verletzt und berührt. Wir verstehen ein bisschen besser, wie die Landkarte im Kopf unseres Gegenübers aussieht. Der Konflikt ist ein Moment, in dem sich beide öffnen. Wir sprechen über unerfüllte Bedürfnisse, dahinterliegende Ängste, vielleicht alte Wunden oder Momente der Scham.
Konstruktive Konflikte enden mit einem Reparieren der angespannten Situation. Destruktive Konflikte schaffen Distanz in der Beziehung, verletzen und treiben uns auseinander. Wir machen uns vielleicht endlose Vorwürfe oder suchen nach dem oder der Schuldigen. Sie enden mit Wunden und Verständnislosigkeit - vielleicht sogar mit Verachtung, emotionalem Mauern oder einer Machtdemonstration wie z. B. einer Drohung.
sanego: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie ein Konflikt eine Beziehung stärken kann?
Linda-Marlen Leinweber: Nehmen wir eines der häufigsten Konfliktthemen: Schlechte Kommunikation. Die Frau sagt zum Mann: „Nie hörst du mir zu“. Jetzt ist ein typischer Verlauf, dass der Mann sich angegriffen fühlt und ggf. beginnt aufzuzählen, wann er in seinen Augen doch zugehört hat, um zu zeigen, dass das „nie“ eine Lüge ist.
Besser wäre, wenn die Frau gleich zu Beginn über ihr unerfülltes Bedürfnis und die dahinterliegende Angst sprechen würde. Z. B. so: „Ich bemerke, dass wir wenig Momente haben, in denen wir tiefgründige Gespräche führen (Beobachtung). Ich vermisse das (Folge/ empfundene Konsequenz). Mir fehlt die Nähe zu dir und ich habe manchmal wirklich Angst, dass wir uns im schnellen Alltag verlieren (Bedürfnis und Angst).“. Jetzt sind wir ganz weit weg von Vorwürfen oder einem Angriffston! Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Moment das Paar näher zueinander bringt ist groß, weil sich die Frau gleich zu Beginn sehr geöffnet hat und ein Beziehungsangebot an den Mann gerichtet hat. Wenn dieser das Angebot annimmt und sagt „Ja, stimmt - ich wünsche mir auch mehr Nähe zu dir!“, dann könnte nun gemeinsam überlegt werden, was beide tun können, damit wieder mehr Raum für Gespräche der Verbundenheit entstehen kann.
Was braucht eine gesunde Paarbeziehung?
sanego: Was ist neben konstruktiven Konflikten noch wichtig für eine gesunde Paarbeziehung?
Linda-Marlen Leinweber: …dass man sich der eigenen alten Themen und Trigger bewusst ist. Paarbeziehungen sind häufig ein intensiver Spiegel der eigenen ungelösten Baustellen aus der Vergangenheit. Ich meine damit all die Momente, in denen man selbst von sich denkt: „Warum gehe ich gerade so sehr an Decke?! Warum tut es so weh?!“. Objektiv betrachtet mag es eine Kleinigkeit sein, aber emotional ist es der Weltuntergang. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Wunde sehr alt ist und die Reaktion mehr mit dem ursprünglichen Schmerz zu tun hat als mit der Schwere des Anlasses heute.
sanego: Kann ich an diesen auch noch arbeiten, wenn ich schon in einer Beziehung bin?
Linda-Marlen Leinweber: Ja, sicher. Unterschiedliche Lebensphasen bringen immer wieder andere Themen ans Licht. Für mich ist es wie eine Zwiebel, die immer wieder eine neue Schicht zum Vorschein bringt. An sich selbst die Erwartung zu haben „austherapiert“ in eine Beziehung zu gehen, wäre utopisch. Zusätzlich brauchen wir sogar die Beziehung um zu heilen! Denn im Idealfall bietet uns die eigene Paarbeziehung die Chance, zu merken, dass die Wunden, die ich früher in Beziehungserfahrungen sammeln musste, sich eben NICHT wiederholen. Dass unsere Annahmen wie z. B.: „Ich bin nur liebenswert, wenn ich funktioniere“ oder „Am Ende ist nur auf mich selbst Verlass“ NICHT bestätigt werden und wir eine korrigierende Lernerfahrung machen, die zeigt: Beziehung und Nähe können sich auch anders anfühlen. Dafür brauchen wir sogar die Beziehung - das kann unsere Psyche nicht durch denken und reflektieren spüren.
sanego: Welche kleinen Veränderungen im Alltag haben oft die größte Wirkung auf die Beziehungsqualität?
Linda-Marlen Leinweber: Kleine Rituale, Check-Ins, kleine Gesten der eigenen Liebessprache, die immer wieder zeigen: Ich bin da, ich mag dich. Für den einen ist es ein kleines Geschenk, eine geschriebene Botschaft, das Helfen und Unterstützen im Alltag oder oder oder.
Gerade Rituale wie z. B. beim Begrüßen oder Verabschieden geben der Psyche enorm viel Sicherheit. Die Dynamik im Miteinander wird vorhersehbar und das stärkt das Vertrauen. Es sind aber natürlich auch die Momente der Zärtlichkeit - wird sich Zeit für eine längere Umarmung genommen? Ist da ein Kuss, der über das Bussi an der Tür hinaus geht? Das alles ist leichter, wenn beide in einer Beziehung zumindest einen halbwegs gut gefüllten Akku haben. Denn zu viel Stress und Belastung lässt uns in einen Überlebensmodus rutschen, der nur noch Kapazitäten für das Nötigste zur Verfügung stellt. Und dass bringt mich dann wieder zu dem „kleinen“ Punkt einer möglichst fairen Verteilung von Mental und Emotional Load.
Welchen Einfluss hat Social Media auf Beziehungen?
Linda-Marlen Leinweber: Beobachten Sie durch Social Media eher eine Verbesserung oder Verschlechterung von Beziehungsdynamiken?
Linda-Marlen Leinweber: Schwer zu beurteilen. Ich finde der Druck auf bestimmte „Meilensteine“ einer Beziehung und wie diese auszusehen haben, hat zugenommen. Hochzeiten werden gefühlt immer größer und teurer, Schwangerschaften werden glorifiziert und Kinder sind in meiner Wahrnehmung der größte Upsale Moment - vieles ist mir zu perfekt, zu schillernd und einseitig. Natürlich gibt es auch Kanäle, die eine mehrdimensionalere Realität zeigen. Das kann ein großer Mehrwert sein und zur Enttabuisierung und Entstigmatisierung beitragen. Denn wir spüren: Wie sind nicht allein mit unseren Herausforderungen! Und allein das ist sehr heilsam.
Trotzdem spüre ich bei vielen Paaren den Druck „mitzuhalten“ und „richtig“ zu sein. Es kann z. B. sehr herausfordernd sein, wenn man als Frau in der eigenen Realität beim Thema Schwangerschaft merkt: Ich fühle mich gar nicht wie im „Pregnancy Glow“ - was mache ich falsch, wenn es doch „allen anderen“ so brilliant geht? Oder, was, wenn da nicht die großen Glücksgefühle sind, wenn das Kind endlich geboren wurde, sondern eher Überforderung und Schmerz? Viele Menschen leiden unter dem Mismatch der eigenen Erwartung an den Moment, der auch durch social media geformt wird, und der wahrgenommenen Realität. Die Folgen sind häufig Scham und Rückzug und eine Annahme, man selbst sei falsch.
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